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Gefahrenlage wieder aufgehoben – ein Narrativ der Verharmlosung

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Erst heute morgen dringt langsam zu uns vor, was gestern in Halle passiert ist. Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Dem Antisemitismus, Rechtsterrorismus und Rassismus gilt unser Kampf.

Und eigentlich hätten diese Worte erstmal gereicht – stattdessen: Verharmlosung

Medien und Politiker vergreifen sich aber bereits wenige Minuten nach der Meldung über Schüsse und Tote in Halle mit verharmlosenden Narrativen. Im Medien-Mainstream werden Videos des Täters gezeigt. „Handy-Aufnahmen eines Anwohners“ (tagesschau). In der Schalte nach Halle der Tagesschau sagt Julia Grünwald „vor Ort“.

Ja, mittlerweile entspannt sich die Lage hier in Halle, im Paulusviertel, nördlich der Altstadt in Halle so allmählich. Die Einsatzkräfte ziehen hier nach und nach ab. Aber über Stunden herrschte hier eine unklare Lage, vor allem auch für die Anwohner. Es war lange Zeit von möglicherweise mehreren Tätern die Rede, die auf der Flucht sind. Mittlerweile ist ja so gut wie sicher, dass es sich um einen Einzeltäter, den 27-jährigen aus Sachsen-Anhalt, der hier im Paulusviertel zwei Menschen getötet haben soll. Eine Frau nahe der Synagoge, vor der wir uns hier unmittelbar befinden, und einen Mann in einem Dönerladen. Die Bundesanwaltschaft ermittelt. Ein mögliches rechtsextremes Motiv gilt als wahrscheinlich. Mittlerweile ist die Gefahrenlage aber in Halle und Umgebung aufgehoben. Die Anwohner können wieder zurück in ihre Häuser kehren oder eben auch ihre Wohnhäuser wieder verlassen und es sind momentan auch wieder vereinzelt Fußgänger hier unterwegs und der Verkehr normalisiert sich auch nach und nach wieder.

Youtube: https://youtu.be/-iwgA9gmv4Y
Gefahrenlage aufgehoben
Für Beruhigungtablette, bitte klicken.

Der „schwer bewaffnete Täter“ war wohl ein Einzeltäter und „war zuvor offenbar nicht als Rechtsextremer aufgefallen“

Für diejenigen, die vom Nachrichten-Text nicht getriggert werden, dürfte jedoch in den Stellungnahmen deutscher Politiker offensichtlich werden, welches Narrativ in der Adhoc-Debatte bei einigen vorherrschend sind.

Bernd Wiegand, OB von Halle (Saale) sagte, „wir versuchen, heute wieder so nach und nach in die Normalität zurück zu kommen.“ Die Stadt gehe „ganz konsequent gegen rechts vor. „Die Stadt macht alles.“ Aber auch: gesamtgesellschaftlich müssten „Anstrengungen erhöht werden.“

Annegret Kramp-Karrenbauer sieht die Tat als „Alarmzeichen“.

Bundespräsident Steinmeier sagte, „in einem Land mit dieser Geschichte“ sei ihm das unvorstellbar.

Wir machen doch schon, Alarmzeichen, unvorstellbar!

Die Aussagen sind stellvertretend für die Arten und Weisen, wie Narrative beitragen, die Tat und den Täter zu verharmlosen und zu verklären. Für die Opfer dürfte diese Herangehensweise in der Zeit der akuten Trauer schwer zu ertragen sein.

Die Aussagen sind (hoffentlich!) nicht nur für Menschen, die sich mit der Wirkmächtigkeit Menschen verachtender rechter Narrative beschäftigen, Ausdruck einer selbstgefälligen Ignoranz. Unwissen können sie eigentlich nicht sein.

Unwissen von der deutschen Geschichte in der die Aufarbeitung der grausamen eigenen Geschichte noch nicht mal ein Vogelschiss wert war.

Unwissen von Parteien die offen ein Ende der Verfolgung NS-Straftaten forderten, die heute noch im Bundestag sitzen.

Kontinuität der Politik des Wegsehens

Unwissen von der Mitnahme und Weiterentwicklung von antisemitischen und anti-rassistischen Vorurteilen der Nazis in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung.

Unwissen von dem Hetzen gegen Minderheiten unter Klarnamen im Internet und der verantungslosen Form der Berichterstattung, die sich Klicks verhofft und den Algorithmen, die diese hypen. Auch spätere Bekundungen fangen die Nachricht nicht wieder ein. Das Internet vergisst nicht.

Unwissen von den Politikern, die Angst und Hass der Menschen ausnutzen, um sie gegeneinander auszuspielen, die wieder im höchsten deutschen Parlament sitzen dürfen.

Unwissen von Gruppen und Echochambers, die sich daraus im Dunstkreis rechtsextremer Hetze bilden, in denen aus Gewaltverherrlichung und Hass konkrete Pläne erdacht und verherrlicht werden. Aber auch Unwissen von dutzenden von Menschen, die gesehen haben müssen, dass sich etwas anbahnt und die rechte Terroristen – ob Einzeltäter oder Gruppe decken oder durch Nichtstun schützen.

„Das Umfeld“ im Ticker bei merkur.de – https://www.merkur.de/politik/halle-saale-vater-taeters-mit-bedrueckenden-worten-anschlag-mit-video-gefilmt-nachrichten-zr-13083546.html

Sogar – so scheint es – Unwissen von bereits erfolgten Angriffen auf Menschen in die „gesellschaftlichen Mitte“, in die sich die Überraschten nur zu gerne flüchten.

Es sind keine Warnungen oder unvorstellbare Verbrechen, denn sie entstehen aus dem Hass, der um uns herum bewusst geschürt wird, und dem bewussten Wegsehen im Geiste von 1945.

Aber warum werden diese verharmlosenden Narrative verwendet?

Antwort: Sie fühlen sich gut an.

So wichtig ein Eingeständnis wäre, die Einsicht, dass wir ein unterschätztes Problem haben, so unangenehm ist sie. Denn diese Einsicht müsste eingestehen, dass es ausgerechnet die gesellschaftliche Mitte und das Verhalten Mainstream-Medien diejenigen waren und bis heute sind, die rechtsradikale Narrative spruchreif gemacht haben.

Ein anderer aber verwandter Grund ist die entsprechende Priorisierung bei der Vergabe von Geldern für Prävention und Bekämpfung der Rechtradikalen. Nicht nur werden Fördergelder bspw. für das Aussteigerprogramm EXIT gestrichen, sondern es fehlen auch Kapazitäten für die Bekämpfung von Rechtsextremismus.

Gerade die Aussage des Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft, zeigt wie unmittelbar das Mitte-Narrativ des „Rechts wie Links“-Gleichmachens Kräfte bindet, die längst gegen Rechts benötigt würden.

Dadurch dass Deutschland zu gerne Musterland sein möchte, wenn es um die Bewältigung der eigenen Geschichte geht, wird dazu der bequeme Narrativ des „wir konnten ja nichts wissen“ bedient. 

Andere Narrative?

Andere Narrative gibt es. Die Zusammenhänge werden von Menschen, die die rechtsradikalen Netzwerke und Dynamiken beobachten schon seit Jahren aufgezeigt und davor gewarnt.

Nicht erst seit gestern gibt es gut recherchierte Theorien dazu, wie Neonazis, AfD, aber auch rechte Narrative innerhalb der „gesellschaftlichen Mitte“ zusammenwirken und immer mehr Menschen immer mehr radikalisieren.

Entsetzt, traurig, wütend

Die Stimmen von Betroffenen und denjenigen, die ihnen beistehen wurden bisher stets als Panikmache, Schlechtreden oder selbst als „böse“ stigmatisiert.

Auf die vielen Hinweise wird bis heute nicht gehört. Es wird verdrängt und verharmlost.

Indem linke Stimmen kriminalisiert werden, wird weiter Vertrauen verspielt und damit die Chance, die durchaus vorhandenen Informationen über rechtsradikale Netzwerke für die effektive Bekämpfung zu nutzen.

Stattdessen gibt es weiter Beileidsbekundungen und Betroffenheit. Keine allzu große Hoffnung, dass sich dieser Staat, der lieber immer wieder zu Normalität zurückkehrt, einmal klar und deutlich zu Antifaschismus, gegen Antisemitismus und Rassismus bekennt, ohne dass es bei Lippenbekenntnissen bleibt.

Das Beitragsbild zeigt das Konzentrationslager Plaszow bei meinem Besuch im Jahr 2016. Mich hat damals besonders bewegt, das an diesem grauenvollen Ort Menschen zugelassen haben, dass Gras über die fürchterliche Geschichte wachsen konnte. Das war nur möglich durch Ignoranz und das bewusste Wegsehen. Die heutigen Reflexe auf rechtsradikale Terrorakte demonstrieren, wie Menschen trotz eindeutiger Faktenlage und akuten Geschehnissen wieder wegschauen.

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